Brauchtum in Ruhla

Die Rühler Tracht

Tracht des Jahres 2007
Unsere Tracht hat, wie die Thüringer Trachtenforscherin LUISE GERBING schon vor über 100 Jahren schrieb, "seit Menschengedenken als etwas Besonderes gegolten". Das wird indirekt durch den Bericht des Eisenacher Chronisten JOH. WILH. TRAPP bestätigt, nach dem 1746 am dritten Tag der Feierlichkeiten zur Hochzeit des Fürsten Günther von Schwarzburg-Rudolstadt nach einer Schifffahrt in Wilhelmsthal "die Ruhlaer ihre alte Tracht und ihre alten Tänze" der Festgesellschaft vorführten. Wären diese nichts Besonderes gewesen, hätte man die Rühler wohl nicht zur Fürstenhochzeit geholt.

Die Rühler Tracht war damals anders, als wir sie heute kennen. Wie die Frauentracht um die Mitte des 18. Jh. ausgesehen hat, daran konnte man sich noch erinnern, als C. F. MOSCH und F. C. ZILLER 1812/13 ihr Buch "Versuch einer Beschreibung der Sachsen-Gotha¬ischen Lande" schrieben. Sie berich¬teten darin: "Die Weiber zeichneten eine Art von Schleyer, zwey Arten großer brauner Pelzmützen und die Schurztracht der Dörfer Kabarz und Tabarz aus. Den Kopf umwan¬den sie auch fast turbanförmig mit einem Tuche, so dass über die Stirn zwei Zipfel desselben festgebunden wurden, der dritte aber über den Scheitel nach dem Rücken hinab hing …" Abbildungen, auch von Trachten aus Tabarz, Zella St. Blasii und Mehlis zum Vergleich, fügten sie bei. Die zwei dargestellten Ruhlaer Frauen wurden 1908 von HANNS BOCK für die Veröffentlichung über die Ruhlaer Tracht (s. Lit.) originalgetreu nachgezeichnet. Als Grundelemente dieser einstigen Frauentracht sind zu bezeichnen: graubrauner oder hellgrauer langer Rock, weißes Ärmelmieder bzw. weiße Bluse, farbiges Leibstück bzw. Schnürmieder mit Bortenbesatz, auffällige Kopfbedeckungen wie Pelzmützen, die auch im Sommer getragen wurden, und tütenartige weiße Hauben, Schleier genannt.

Diese Bezeichnung kam daher, dass ursprünglich, wie noch durch Augenzeugen überliefert, vorne Bänder von der Haube herabhingen, die eine Art Gesichtsschleier bildeten. Später fielen die Schleierbänder weg, der Name blieb. Auf der Abbildung fällt bei beiden Frauen das mehrmals um den Leib gewickelte schwarze Band auf. Es diente zum Festhalten des Rockes, wenn er auf Wadenlänge hochgezogen, also geschürzt war, daher der Name der Tracht. Auf dem Bild ist das Band auch bei langem Rock umgewickelt, wahrscheinlich um es im Bedarfsfall gleich bei der Hand zu haben, oder man kannte zur Zeit der Entstehung des Bildes die eigentliche Funktion des Bandes nicht mehr. Über dem Gurtband ist ein Wulst zu sehen, der, wahrscheinlich am Leibstück befestigt, zum Halten des Rockes diente, wenn das Band nicht umgewickelt war. Ob die rechts stehende Frau eine Schürze oder einen hellfarbigen Rock trägt, ist nicht ersichtlich. Bei der links stehenden Frau deutet nichts auf eine Schürze. Auffällig sind auch die roten Strümpfe. Eine Tracht wie dargestellt ist sicher nur von den bessergestellten Frauen getragen worden, denn es gab die Kleiderordnungen, die für das Volk geringwertige Stoffe, einfache, schmucklose Kleidung und dunkler gehaltene graue Farben vorschrieben.

Die Trachtenforscherin LUISE GERBING gab an, dass die Schurztracht in Ruhla "ab Mitte des 18.Jahrhunderts allmählich" verschwand. Lt. DR. HELGA RASCKE wurde sie in Kabarz und Tabarz noch Jahrzehnte länger getragen.
Die Autoren K. E. A. VON HOFF und C. W. JACOBS gaben der Beschreibung Ruhlas in ihrem Buch von 1807 "Der Thüringer Wald, besonders für Reisende geschildert" einen Kupferstich mit der Darstellung zweier Rühlerinnen in alter Tracht bei, die sich im Gelände begegnen. Die links stehende hat, wie auch durch die weit hochgezogene Taille ersichtlich, das Schürzband um den Leib gewickelt, allerdings auch bei langem Rock. Dieser scheint schon gemustert zu sein und eine querlaufende Kante zu haben. Deutlich ist die helle Schürze zu sehen. Anstatt Ärmelmieder und Schnürleibchen trägt die Frau schon eine Jacke und ein zur Schleife gebundenes Halstuch. Anstatt Pelzmütze oder Schleierhaube hat sie ein Kopftuch, aber ohne Zipfel. Die andere Frau trägt ein Kopftuch mit seitlichen Schleifen und Zipfeln. Leider sind ihre anderen Trachtenstücke durch einen Mantel verdeckt. Die Kleidung der links stehenden Frau ist als die Vorstufe der späteren Ruhlaer Frauentracht anzusehen.
Eine Nachricht über die Tracht der "Altvorderen", also über eine alte Rühler Männertracht, findet man auch bei MOSCH und ZILLER in ihrer Landes¬beschreibung von 1813: "Diese Alten trugen Schuhe und weiße Strümpfe, rothe lange Westen, gelblederne Beinkleider und hellblaue Ärmeljacken, auch eine mit buntem Deckel versehene Pelzmütze". Wann diese "Altvorderen" mit dieser Kleidung gelebt haben, ist unklar. Eine solche Farbigkeit in der Männertracht in der Zeit der Schurztracht der Frauen, also noch während der Gültigkeit der Kleiderordnungen, ist sehr unwahrscheinlich. Für spätere Jahrzehnte liegen jedoch andere Beschreibungen von Einheimischen vor, in denen es die generelle Einheitlichkeit gelblederne Hose, rote Langweste, blaue Jacke nicht gibt. Mosch und Ziller haben offensichtlich eine vage Einzel¬angabe verallgemeinert. Unverständlich ist es daher, dass vor Jahren in der Vereinigung "Alt-Ruhla" diese Beschreibung als Grundlage für eine Uniformie¬rung in der Nachbildung der Rühler Männertracht angesehen wurde.
Der Wechsel in der Tracht in der zweiten Hälfte des 18. Jh. erfolgte in Ruhla nicht zufällig in derselben Zeit wie der wirtschaftliche und soziale Wechsel vom innungsbetonten Messerschmiedehandwerk zum sich ohne Innungen frei entwickelnden Tabakpfeifengewerbe. Tonangebend im Ort waren schließlich nicht mehr die Handwerksmeister, sondern die Manufakturbetreiber, Händler und Verleger mit ihrem größeren Wirkungskreis. Dementsprechend änderten sie auch ihr äußeres Erscheinungsbild, und die Ortsarmut passte sich mit billigeren Stoffen und einfacheren Ausführungen an.

Wie die Tracht der Kirmesjungfern in den 1790er Jahren aussah, erzähl¬te als Augenzeuge der 84-jährige Drechsler Justinus Robus ("Höätines") dem Pfarrer Jacobi, der es 1868 schriftlich festhielt und der Kirchen¬chronik beigab: "Die Kirmesjungfern trugen Schuhe und weiße oder rothe Strümpfe und einen sog. Kantelrock von mittlerer Länge, von Wolle, hellgrüne oder dunkelgrüne Grund¬farbe, auch roth oder blau, mit hellen Blumen, Sternen, Tupfen oder anderen Mustern, darauf eine seidene oder baumwollene gestreifte
Schürze und eine dunkle Jacke, deren Ärmel zum unteren Arm hin weit abhängend waren, über der eng schließenden Jacke Dukatenschmuck an einer Kette oder Schnur oder auch einen Silbertaler, unter denselben einen bunten Halslappen, um den Kopf das sog. krippelbunte Molchstuch von baumwollenem ostindischem Stoff, meist roth mit gelben Blumen, Sternen, Tupfen, die Zipfel zur Seite gebunden. Kopfschmuck für Kirchgang und Feierlichkeiten war die sog. Sperrkappe."
Eine Nachricht über die Tracht der jungen Rühler Männer in dieser Zeit geht auch auf Justinus Robus zurück. Nach dessen Informationen schrieb Pfarrer Jacobi: "Die Burschen trugen in der Regel grüne manchesterne Kniehosen, bisweilen auch ziegen- oder wildlederne, Stiefel, jedoch so, daß unter dem Knie die Strümpfe vorsahen, die durch Band und Schnalle unter den Hosen gehalten wurden. Westen waren ebenfalls von einfarbigem Manchester, grün, Sonntag zuweilen auch von Scharlachtuch mit tuchbezogenen oder überspon¬nenen Knöpfen, auf der oberen Brust offen. Das Halstuch, sog. Molchstuch, war ein baumwollenes ostindisches Tuch, vornehmlich gelb als Grundfarbe mit andersfarbigen Blumen oder anderen Verzierungen, auch ganz bunt, wie auch das den Kirmesjungfern geschenkte Tuch. Dazu trugen sie eine Jacke von dunklem Tuch, die nach hinten einen Schoß hatte, mit äußeren Taschen und auf dem Kopfe eine sog. Zipfelmütze weiß oder grau von Baumwolle mit einem unten roth und blau umlaufenden Doppelstreifen. Der dreieckige Hut war Kopfbedeckung für den Kirchgang und andere solenne Gelegenheiten."
Die Rühler Tracht, wie sie heute getragen bzw. gezeigt wird, geht darauf zurück, wie man sich Ende des 19. Jh., als sie aus Alltag und Feiertag bereits einige Zeit verschwunden war, noch an sie erinnerte oder noch Originalstücke vorhanden waren. Entstanden war sie in dieser Art also Ende des 18. Jh., als mit der Französischen Revolution auch die Kleiderordnungen endgültig abgeschafft waren und die Ruhlaer Kaufleute von ihren Handelsreisen durch halb Europa und ihren Messe- und Marktbesuchen Stoffe und Beiwerk für eine neuartige Kleidung mitbrachten. Auf der Basis der Eigenart der Rühler, neuer Ideen ihrerseits und sicher der Absicht, auch eine etwas andere Kleidung zu haben als die Bewohner der Dörfer des Umlandes, konnte sich eine besondere Tracht entwickeln. Von den Trachten der meist landwirt¬schaftlich geprägten Dörfer der Umgebung, wo mehr dunkle Stoffe bevor¬zugt wurden, unterscheidet sich die Rühler Tracht neben ihren besonderen Elementen auch durch ihre farbige Vielfalt, die bei Frauen und Männern zu sehen ist. Bereits die Schurztracht der Frauen war farbiger als die in Kabarz und Tabarz.
Die besonderen Elemente und die vielen Farben an der Rühler Tracht fallen bei Trachtenaufzügen immer wieder auf und sind Anlass zu Sonderbeifall. Lob und Preise für die Tracht sowie ihre Erhaltung und Pflege gab es schon mehrere Male, zuerst 1908, 1910 und 1911 auf den Thüringer Trachten¬festen in Reinhardsbrunn und Gotha duch Herzog und Herzogin, dann 1914 auf dem 1. gesamtdeutschen Trachtenfest in Mainz und in den 1920er Jahren zu Trachtentreffen in Erfurt bis hin zur Auszeichnung mit dem Prädikat "Deutsche Tracht des Jahres 2007" durch den Deutschen Trachtenverband.
Die Eigenarten der Frauentracht sind der ganzflächig gemusterte "Kantel¬rock" und der "Haitlappen". Der Name Kantelrock kommt von der etwa 20 cm breiten Kante mit querlaufenden Ranken oder anderen Mustern über dem Rocksaum. Die Hauptfarben der Röcke waren/sind grün, lila und rotbraun. Die Musterung bestand ursprünglich aus vom Rokoko beeinflussten blauen Muschelmotiven und Ranken, später aus stilisierten, mit Ranken verbundenen Blüten und Blättern, auch aus geometrischen Motiven. An der Innenseite des Rockes ist unten ein etwa 20 cm breiter, scharlachroter Streifen eingenäht, der an den einst roten, oberen Festtagsunterrock erinnert. Der Haitlappen, also das Kopftuch, entstanden aus dem vom Mittelalter her bekannten Stirnband der Frauen, wird aus einem Dreiecktuch zu einem Band zusammen¬gelegt, um das geflochtene und aufgesteckte Haar geschlungen und mit Stecker und Zierkamm gehalten. Die Farben der Tücher sind bei jungen Frauen rot, mittelgrün, mittelblau oder mittelviolett. Hellgelb, hellrosa, hellblau oder andere Pastelltöne hat es grundsätzlich nicht gegeben. Bei älteren Frauen sind die Farben dunkelgrün, braun bis dunkelbraun, dunkelblau oder dunkelviolett, einst gab es sogar schwarze Tücher. Reichere Frauen trugen den Haitlappen hinten, ärmere nach der Stirn zu. Die mit Fran¬sen versehenen Zipfel, die über das rechte oder auch linke Ohr herabhängen, sind mit alten, überlieferten Mustern bunt bestickt, auch mit kleinen Schmelzperlen. (Die Stickmotive auf den zwölf im Museum bis in die 1960er Jahre noch vorhanden gewesenen Originalhaitlappen wurden von mir abgezeichnet und liegen als Muster für Nachbildungen vor.) Schwarze Kappen/Hauben hat es auch gegeben. Sie wurden in einfacher Art von den älteren Schulmädchen und in aufwändiger Art und Form ("Sperrhait") von älteren Frauen zum Kirchgang getragen.
Ein weiteres Objekt der Frauentracht ist die mit weiten Oberärmeln und auf der Schulter gezogenen Falten versehene kurze Jacke (nicht Bluse!). Diese Rühler Jacken unterscheiden sich von anderen, in der Form ähnlichen Thüringer Trachtenjacken auch durch ihre Farbigkeit. Sie können auch bunt gemustert sein. Auf alle Fälle haben sie nie dieselbe Farbtönung wie der Kantelrock, und so können Rock und Jacke nicht als Kleid angesehen werden. Die Jacken können einen weiteren Ausschnitt haben oder auch höher geschlossen sein. Ein etwas breiterer Halskragen hatte oft einen gerollten Saum.
Zur alten Rühler Frauentracht gehörte ursprünglich nicht unbedingt eine Jacke. Sie kam als fester Bestandteil erst im Laufe der Zeit, besonders mit dem Einfluss des Biedermeiers dazu, wurde aber im Sommer zu Ärmelmieder - Leibstück - Kantelrock kaum getragen. Diese Zusammenstellung ist also nicht, wie fälschlicherweise oft bezeichnet, die Arbeitstracht, sondern die alte Rühler Sommertracht der Frauen, die noch mit einem bunten Rosentuch als Schultertuch ergänzt wurde. Das Annähen des Kantelrocks an die Jacke ist erst eine relativ späte Erfindung in der Vereinigung "Alt-Ruhla". Oft hatte das Leibstück einen Wulst, über dem der Rock gehalten wurde. Zur Zusam¬menstellung ohne Jacke als Sonntagstracht gehörten außer dem dann langärmeligen Mieder - Ärmel unten mit Durchbruchmuster - auch schwarz-weiße, durchbrochen gestrickte, dünne Handschuhe.

Aus den Jacken leuchteten die hellbunten Brusttücher und auf den Kantel¬röcken die bunten Schürzen mit alten Muschel- oder Blumenmustern, bei der Schürze meist über Breite und Länge eine Einheit bildend. Die bunten Schürzen¬bänder wurden bei Mädchen und Jungfrauen an der Seite, bei verheirateten und fest vergebenen Frauen hinten zur Schleife, dem "Schörzenbuisch", gebunden. Durch die Vereinigung "Alt-Ruhla" wurde schon vor Jahrzehnten eingeführt, die Schürzenbänder vorne zu binden. Strümpfe waren keinesfalls immer weiß, sondern auch rot, grün, blau und als Zwickelstrümpfe farbig gemustert.
Unterkleidung waren: ein knielanges, kittelartiges, ziemlich weit ausge¬schnittenes Trägerhemd (selten mit kurzen eingesetzten Ärmeln) aus Leinen, später auch aus Baumwolle, darauf ein weißer, dann ein zweiter, roter Unterrock, oben auf dem Hemd das weiße Leinenmieder, mundartlich "Mäder", mit kurzen Ärmeln oder als "Sträifelmäder" mit langen Ärmeln, die oft "hochgesträifelt" wurden. Für den Winter gab es auch Flanell- oder gestrickte Unterröcke. Das lange Unterhemd behielt man auch in der Nacht an. Darauf zog man, weil das Hemd ja oben weit ausgeschnitten war, eine vorne zu knöpfende, hüftlange Nachtjacke mit langen Ärmeln. Dazu gehörte eine weiße Nachthaube mit Bändern, die unter dem Kinn gebunden wurden. Unterhosen waren bis ins 19. Jahrhundert nicht bekannt. Die weißen, im Schritt nicht zusammengenähten Spitzenunterhosen kamen erst im Laufe der Biedermeierzeit zur Tracht, und da begann man auch, das Tragen von farbigen Unterröcken als unschicklich anzusehen.
Als Schmuck trugen Frauen und Mäd¬chen den "Tauftaler" (Geschenk des Paten zur Taufe in Form einer Münze) an Halskettchen oder Samtband, eine Münzenkette oder die Ehefrauen der Handwerksmeister den "Mahl¬schatz". Das war eine aufwändig gestaltete, doppelte oder dreifache Halskette mit filigranen silbernen Rosetten bzw. anderen Schmuckele¬menten als Grundausstattung und einer oder zwei Silbermünzen.
Dieser, auch "Gehäng" genannte Schmuck wurde der Braut zur Verlobung vom Bräutigam vor die Füße gelegt. Mit dem Auf- und Annehmen unter Zeugen bekundete sie ihr Einverständnis und galt ein künftiger Ehevertrag als schon geschlossen. Daher kommt auch der Name, wort¬stammgleich mit Gemahl und Vermählung, von ahd. mahal = Vertrag. (Es müsste also eigentlich Mahalschatz heißen.) Mit der Zeit wurde der Schmuck durch Anreihung weiterer silberner Münzen ergänzt.
Ansteckschmuck gab es, wie Luise Gerbing in zahlreichen Befragungen festgestellt hat, zur Rühler Tracht nicht, also auch keine Broschen oder Spangen an den Brusttüchern, wie heute oft eigenmächtig hinzugefügt. Es störte nicht, wenn das Tuch zuweilen etwas auseinanderrutschte und der Busenansatz sichtbar war.
Zu erwähnen sind noch Kirchenmantel, Regentuch, dunkel gemustertes Um¬schlagtuch, Umhängemantel ("Schaollunn"), Hockmantel ("Keengermaantel").
Zur Beschreibung der Männertracht und ihrer Vielfältigkeit soll wie folgt zitiert werden: LUDWIG STORCH schrieb, dass lange blaue Leibröcke mit großen versilberten Metallknöpfen den Meistern und Werkstattbetreibern, kürzere blaue Jacken ihren Söhnen vorbehalten waren, es sonst meist graue, auch braune und grüne Jacken gab. "Die jungen Männer trugen werktags kurze lederne Hosen [also Kniebundhosen], deren Farbe einst gelb gewesen war, sonntags grün- oder braunmanchesterne, die älteren Männer schwarze Hosen". Westen und Stiefel erwähnte er nicht, aber "lange, wollene, farbige oder weiße Strümpfe".
ARNO SCHLOTHAUER teilte lt. Informationen mit, die er um 1900 von alten Gewährsleuten zur Männertracht erhalten hatte: "Bei Alt und Jung bestand die Sonntagskleidung aus grüner oder brauner Stoff- oder Manchester-, auch aus gelbbrauner Lederkniehose mit weißen oder grauen glatt gestrickten Strümpfen. Auch schwarze Samthosen hat es gegeben. [...] Ein Unterschied zwischen verheirateten und ledigen Mannsleuten war, daß erstere meist lange Leibröcke aus dunklerem Tuche und gestickte, dunkelfarbige Westen trugen. [...] Auch rote, blaue oder Ringelstrümpfe gehörten dazu." Seine Angaben zur Burschentracht entsprachen denen des Justinus Robus (s. o.). Zu den Kopfbedeckungen der Männer schrieb er: "Zum Kirchgang kam der nicht allzugroße Dreispitz zu Ehren, den sie nach ihrer Konfirmation als ‚Patenhut’ erhalten hatten. Die älteren Männer bevorzugten die gestickte, runde Kappe, den ‚Bartel’, oder eine Pelzmütze mit farbigem Stoffdeckel."
Zu den Westen, die auch oft weggelassen wurden, ist von Kantor BURKHARDT überliefert: "Bei den Burschen waren sie zuweilen hellrot, bei den Verheirateten aber dunkelfarbig und gestickt. Zur Verlobung wurden dem Bräutigam von der Braut der Gitterstoff für einen Westenstock und Stickgarn geschenkt, aber nicht ausgehändigt. In der Verlobungszeit stickte sie die Vorderteile und die fertige Weste wurde von ihm dann ab der Hochzeit zur Sonntagstracht getragen."

Zu den Männerhemden soll nochmals LUDWIG STORCH zitiert werden: "Arbeitshemdem waren aus ganz grober, nicht weißer Leinwand, hatten keinen Kragen und den Schlitz hinten. Feierabendhemden waren aus feinerer Leinwand, hatten ein Stehbündchen, den Schlitz vorne. Sie wurden mit einem bunten, vorne zu einem Knoten gebundenen Halstuch getragen. Feiertags¬hemden aus feiner Leinwand und mit dem Schlitz vorne hatten einen schmalen Umlegekragen, die Schulterpartien waren meist etwas gezogen. Unter dem Kragen wurde ein buntes, vorne gebundenes Tuch getragen."
Die beschriebene Tracht gehörte zum Leben der Rühler bis etwa 1830. Da begannen die meisten Männer, sie abzulegen und sich langen Hosen und anderen Jacken zuzuwenden. Die Frauen hielten noch länger an der Tracht fest. Nach Mitte der 1840er Jahre wurde aber von ihnen auch zunehmend die moderne Kleidung bevorzugt. Zur Konfirmation 1848 trugen die Mädchen letztmals einheitlich Kantelrock und Haitlappen. Zu Kirmes und Kirchenjubiläum 1861 gehörten viele Trachten nochmals zum Straßenbild. Danach blieben nur ältere Frauen noch gut zwei Jahrzehnte beim Haitlappen. Der Schriftsteller WILHELM RAABE beklagte sich um 1865: "… Wenn sie sie heute abgeschafft haben, ihre Kopfbinden aus jenen Zeiten, die heutigen Jungfrauen in der Ruhl - blau und silber und kirschrot und gold - so wußten sie nicht, was sie taten und waren sehr tötichte Jungfrauen …" Alexander Ziegler ließ 1867 zur Einweihung des ersten Carl-Alexander-Turmes und 1871 zum Empfang der heimkehrenden Kriegsteilnehmer die Tracht nochmals tragen und war auch anders bemüht, sie zu erhalten. Zu einer ersten Wiederbelebung in kleinerem Rahmen kam es dann 1892 auf Initiative des neuen und ersten hauptamtlichen Bürgermeisters Otto Lederer (eines Apolda¬ers). Im Auftrag der Gemeinde ließ er drei originalgetreue Trachten anfertigen und bewog den Gewerbe- und den Verschönerungsverein auch dazu. Diese neun Trachten wurden an Bürger ausgegeben, um von ihnen zur Kirmes getragen zu werden. Gleichzeitig rief man die Ruhlaer auf, noch vorhandene Trachten ebenfalls anzuziehen. So erreichte man, dass Trachtenpaare auf den Kirmesveranstaltungen der Gesellschaften zugegen waren und den Umzügen vorangingen, und das nicht nur 1892.
Zur Erhaltung und Pflege der alten Rühler Tracht kam es dann ab der Gründung der Vereinigung "Alt-Ruhla" im Jahre 1899. Das als Heimatfest gestaltete 250-jährige Jubiläum der Winkelkirche St. Concordia im Jahre 1911 gab weitere, länger nachwirkende Impulse dazu.
Nach der 1906 erfolgten Gründung des Ortsmuseums stellte die Trachtenfor¬scherin LUISE GERBING darin eine Präsentation zur Rühler Tracht zusammen, die viele Jahre lang gezeigt wurde. Außerdem gab es später eine Sammlung von über 20 kompletten Trachten, teils noch Originale, teils originalgetreue Nachbildungen von 1911 und 1934, die zur Kirmes und zu anderen Gelegenheiten auch ausgeliehen und getragen wurden. Leider sind heute nur noch ganz wenig Stücke davon vorhanden, mit denen aber doch, der Tradition verpflichtet, wieder eine Trachtenschau zusammengestellt werden müsste.

Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass unsere Tracht nicht, wie in letzter Zeit oft gesagt und geschrieben, "die Tracht der Folklore-Vereinigung Alt-Ruhla" ist, sondern, wie ihr Name sagt, eben die Ruhlaer oder die Rühler Tracht und nicht nur die Vereinigung, sondern ganz Ruhla repräsentiert. "Alt-Ruhla" hat es sich nur zur Aufgabe gemacht, und das seit nunmehr über 112 Jahren, diese schöne Tracht zu erhalten und zu pflegen sowie sie nicht nur in Thüringen zu zeigen. Schade ist es, dass es eine allgemeine Trachtentradition in Ruhla nicht mehr gibt. Und in diesem Zusammenhang muss die Frage erlaubt sein, warum sich der neue Ruhlaer Kirmesverein von der Rühler Tracht, außer bei den Dreieckshüten der Kirmesburschen, strikt distanziert. War die Tracht doch seit ihrer Wiederein¬führung erneut untrennbar mit der Rühler Kirmes verbunden. Ein entsprechendes diesbezügliches Umdenken wäre zum Zwecke der Erhaltung auch der Trachtentradition zu begrüßen und notwendig.


Quellen und relevante Literatur

Beiträge zur Geschichte Eisenachs XVIII, Chronik das Joh. Wilh. Trapp 1739 bis 1805, Eisenach 1908
Bindmann, Magdalena, Volkstrachten zwischen Rhön und Altenburger Land, Weimar 1993
Burckhardt, Joh. Heinrich Karl, Gedicht "Die allen Rühler" u. Aufzeichnungen
Colorierte Ansichtskarten aus der Zeit um 1900
Gerbing, Luise u. L. Köllner, Die Ruhlaer Tracht, Ruhla 1910 u. 2005
Gerbing, Luise, Die Thüringer Trachten, Erfurt 1925
von Hoff, Karl Ernst Adolf u. Christian Wilhelm Jacobs, Der Thüringer Wald besonders für Reisende geschildert, Gotha 1807
Köllner, Lotar, Zusammenstellung und Beschreibung der Elemente der Rühler Frauen- und Männertracht (Kartei)
Kreuch, Knut, Trachtenland Thüringen, Rudolstadt/Jena 1998
Mosch, Carl Friedrich u. Friedrich Carl Christian Ziller, Versuch einer Beschreibung der Sachsen-Gothaischen Lande, Gotha 1813
Raschke, Helga, Beitrag "Die Ruhlaer stellten mit ihrer Kleidung etwas dar", in: Gothaer Allgemeine vom 28. 8. 1999
Schlothauer, Arno, Was das Ruhlaer Ortsmuseum erzählt, Ruhla 1930
" Beitrag "Von der alten Rühler Kirmes", in: Heimat-Grüße, Beilage der Ruhlaer Zeitung, Jg. 1934
Storch, Ludwig, Erzählung "Der Fliegenschneider", Eisenach 1846
" Beitrag "Die Ruhl und die Rühler", in: Die Gartenlaube, Jg. 1856
Ziegler, Alexander, Das Thüringerwalddorf Ruhla und seine Umgebung, Dresden 1867



Auszug aus:

Lotar Köllner: Mi Ruhl, mi Heimet, 3. Band, Verlag "Ruhlaer Zeitung" 2013