Sagen unserer Heimat

Der Wuwwerbözer

Seit uralten Zeiten haust in den Ruhlaer Bergen und Wäldern ein eigener, mächtiger Berggeist. Schon zu der Zeit, als noch keine Menschen das Ruhlatal besiedelten, war er der Herr der Berge. Bis in die Wipfel der Bäume und bis hinunter in die Tiefen, wo wertvolle Erze und wunderbare Schätze liegen, war ihm die Macht gegeben. In seinem unterirdischen Reich, das im Ringberg einen Mittelpunkt hat, glänzt es von edlen Metallen und Gesteinen. Zwerge und Wichtel, von den Ruhlaer Bewohnern später Hütchen genannt, standen in seinen Diensten. Sie trugen die Schätze zusammen, gewannen und bearbeiteten Erze, waren da und dort in Wald und Flur tätig. Sie wurden später auch ausgeschickt um den fleißigen Menschen in der Ruhl, den Bergleuten, Schmelzern und Schmieden an die Hand zu gehen.

Im Ringberg befindet sich auch der eigentliche Wohnsitz des Berg- und Waldgeistes. Große einem Palast ähnliche Räume sollen es sein. Von einer Kanzel auf der unbewaldeten Höhe des Berges ist das Gebiet, in dem der Berggeist seine Macht ausüben kann, leicht zu überblicken. In seinem Reich über der Erde war er der Hüter der Landschaft. Er hegte und pflegte die Tiere, die Bäume des Waldes, die Pflanzen und Blumen auf den Fluren und Hainen. Auch trieb er sein Spiel mit ihnen, ebenso mit den Wassern und den Felsen der Berge.
Als dann die Menschen in das Land kamen, war er ihnen nicht feindlich gesinnt, sondern empfand immer wieder Lust, sie bei ihrem Tun und Treiben zu beobachten und kennenzulernen. Er sah dem Bergmann, dem Köhler und dem Waldschmied bei ihrer Arbeit zu. Den Jäger begleitete er auf die Jagd nach dem Wild, war dem Holzfäller bei seiner schweren Tätigkeit, dem Viehhalter beim Gras mähen und Heu machen auf den kargen Bergwiesen mitunter behilflich. Trieb mit dem Hirten die Herde zur Waldweide, wanderte oder fuhr mit dem Handelsmann über steinige Wege, schob den Karren oder half bremsen.

Dabei konnte er vielerlei Gestalt annehmen und nicht selten war er unsichtbar anwesend. Zuweilen tat er den Menschen Gutes, neckte und ängstigte sie aber auch. Bitterböse wurden Bösewichter, Betrüger und Hartherzige behandelt.
Die Menschen hatten gar bald die Existenz des Berggeistes bemerkt. Wenn sie glaubten ihm zu begegnen oder meinten er sei in der Nähe, schlug ihr Herz vor Aufregung oder Furcht schneller, bubberte heftiger - es wuwwerte - wie sie sagten.
Der Geist legte es aber auch darauf an, sie durch gespensterhafte Erscheinungen, durch Irrlichter oder plötzliches Rauschen und Windstöße, ja sogar donnernde Schläge fürchten zu machen - sie zu bözen.

Deswegen gaben sie ihm den Namen Wuwwerbözer - der Scheu und Ehrfurcht vor ihm ausdrücken sollte. Zu erkennen ist er an seiner übergroßen Gestalt. Bekleidet mit einem breitkrempigen Hut, einem dunkelrötlich schimmernden Umhang und einem knorrigen Ast als Bergstock. Zeigt er sich in einer anderen Gestalt, ist er für die Menschen nicht erkennbar.

[aus Sommergewinnsheft 2002]