Sagen unserer Heimat

Vörwerts-Häns, der Wunderdoktor von Thal

Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts lebte in dem zum Herzogtum Sachsen-Gotha gehörigen Dörfchen Thal ein gar seltsamer Mann, ein lebendiges Buch mit sieben Siegeln. Es war der weit und breit als Wunderdoktor und Hellseher bekannte Johannes Hornschuh, der in der Gegend aber nur der "Vörwerts-Häns" genannt wurde.

Er stammte aus dem "Vorwerk", einem früheren Meiereigehöfte am unteren Ende von Thal. Sein Vater war freiherrlicher Meier und man nannte den Knaben dem Ortsbrauche nach "Vorwerks Hänschen", weil dies aber unbequem war, wurde er in Mundart "Vörwerts-Häns" gerufen. Diesen Namen, den er als Knabe empfing hat er, wie es mit solchen Namen oft geht, sein Leben lang behalten. Als "Vörwerts-Häns", lebt der Wundermann bei den Bewohnern von Thal und Umgegend noch fort bis auf den heutigen Tag.

Häns war seinem Berufe nach Fenstermacher. Sein Haus stand im oberen Teile des Dorfes in einem kleinen Gärtchen. Von früh an hatte er mit harter Not zu kämpfen. Da es schon im Elternhause hinten und vorne nicht langen wollte, so musste er von Kindheit an brav arbeiten, lernte aber dabei weder lesen noch schreiben. Später hatte er kaum für den Sonntag ein paar Pfennige übrig zu einer Kanne Bier. Deshalb streifte er in den Stunden der Erholung auf den Bergen und in den Tälern umher.

Halbe Sonntage kroch er oft auf der alten Burg Scharfenberg herum und war überall in der Gegend, nur da nicht wo andere Menschen verkehrten. Seine Gesellschaft waren die Hirten, bei denen er sehr gern verweilte und mit denen er sich stundenlang unterhielt. Von ihnen lernte er gar mancherlei, das meiste von dem damaligen Ruhlaer Hirten Hans Heß, der große Pflanzen- und Heilkenntnisse hatte. Auch verkehrte er mit dem berühmten Seebacher Medicus Johannes Dicel, der ihm aus dem reichen Schatze seines Wissens ebenfalls mancherlei mitteilte. So lernte er recht bald viele Heilkräuter und ihre Anwendung kennen und konnte bei Krankheiten den Leuten schon behilflich sein.

Als Hänsens Eltern gestorben waren und er seine Profession tüchtig verstand, gründete er einen eigenen Hausstand. Trotz Fleiß und Sparsamkeit reichte sein Verdienst zum Unterhalt der Familie bald nicht mehr aus. Er verdoppelte seinen Fleiß, erledigte auch alle Schreinerarbeiten, die man ihm antrug und gönnte sich kaum ein paar Stunden Schlaf. Aber in seiner Arbeit war kein rechter Segen, desto mehr in seiner Ehe, denn in gut sechs Jahren wurden ihm acht Kinder geboren.

In den wenigen freien Stunden am Sonntagnachmittag ging Häns nach wie vor zu den Hirten oder streifte durch Wald und Flur, suchte dabei die entlegensten Stellen auf. Dabei soll er Erd- und Wassergeister, sowie die Wunderblume kennengelernt, ein geheimnisvolles Lehrbuch gefunden und erste Wunderkräfte erlangt haben. Von zwei Jesuiten, die als Schatzgräber auf den Heiligenstein gekommen waren und mit denen er sich weitgehend eingelassen hatte, soll er in geheimnisvollen Dingen unterwiesen worden sein und ein Zauberbuch, welches "Der Höllenzwang" gehießen, erhalten haben. Daraus lernte er, wie man erzählte, den Blut- und Feuersegen sowie die Kunst, Geister und Verstorbene zu zitieren.

Nach der Bekanntschaft mit den beiden Fremden ging es Häns besser. Er hatte zu kurieren und wahrzusagen begonnen, brauchte nicht mehr so viel zu arbeiten, konnte täglich sein Bier trinken, sich, seine Frau und die Kinder besser kleiden. Als der Zulauf stark wurde, hängte er das Handwerk an den Nagel und verlegte sich ganz aufs Kurieren und Wahrsagen. Er klärte Diebstähle und Geschehnisse auf, heilte Krankheiten und Gebrechen, bei denen die Kunst der Ärzte versagt hatte. Seine Fähigkeiten soll er einem Wassergeist zu verdanken gehabt haben, den er sich angeblich mit Hilfe der fremden Mönche dienstbar gemacht hatte.

Wegen seiner sympathischen Kuren und der Hellseherei geriet er einige Male mit der Obrigkeit und den Gerichten in Konflikt, erhielt sogar zeitweilig Verbote. Späterhin, als er eine hochgestellte Person durch seine Heilkunst gesund gemacht hatte, gewährte ihm der Herzog von Gotha Kurierfreiheit.

Alt und lebensmüde starb der berühmte Wunderdoktor zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Seiner Aussage nach hätte es nur seines Willens bedurft, um noch weitere zehn Jahre zu leben, aber er war des Lebens überdrüssig.

Nach seinem Tode fanden die Erben nichts Nennenswertes in den Zimmern. Vörwerts-Häns hatte zwar des Teufels Künste angewandt, aber alles getan, um nicht in seine Klauen zu geraten. Darum hatte er keine Schätze angehäuft und sich gern gegen Jedermann zuvorkommend verhalten. Ob es seiner Seele genützt hat - wer weiß? Die Menschen um Ruhla herum sprechen jedenfalls heute noch voller Hochachtung von ihm.

[aus Sommergewinn-Heft 2002]