Sagen unserer Heimat

Hans Heß, der Rühler Hirte

Ein anderer wundertätiger Mann, der gleichfalls in hohen Ehren bei den Rühlern und den Bewohnern der umliegenden Ortschaften stand - war Hans Heß ein alter Hirte.
Auf dem Tenneberger Boden in der Ruhl hatte er seine Wohnung. Dort hauste er. Der wusste auch mehr als andere und schaute übernatürliche Dinge. Er konnte den Menschen ihre geheimsten Gedanken aus der Seele herauslesen, wie aus einem vor ihm aufgeschlagenen Buch. Auch konnte er alle Krankheiten heilen. War aber der Kranke für den Tod reif, so sagte es der Hirte ohne Umstände. Seine Weisheit hatte er von einem Pudel, der ihm alle Geheimnisse offenbarte. Auch Zauberbücher besaß er, aus denen er seine Kenntnisse schöpfte.

Kam jemand zu ihm und fragte nach etwas Verborgenem, so ging Hans Heß aus der Stube und jedes Mal folgte ihm der Pudel, der sonst hinter dem Ofen lag. Sobald der Hirte mit dem Hund wieder hereinkam, konnte er dem Aufschluss Begehrenden alles mitteilen was dieser zu wissen verlangte.
Als nun der Pudel so alt und schwach geworden war, dass er kaum noch laufen konnte, bereitete ihm sein Herr ein weiches Lager unter dem Ofen. Von da an musste jeder, der die Künste des Hans Heß zu seinem Vorteil gebrauchen wollte und ihn aufsuchte, die Stube verlassen, nachdem er sein Anliegen vorgetragen hatte. Der Hirte besprach sich dann im Zimmer mit dem Pudel. Gar mancher der eifrig lauschte, hat vernehmen können, wie der Wundermann sich mit seinem klugen Tier unterredete.

Von Hans Heß soll folgende Beschwörungsformel stammen:

Geist, ich beschwöre dich, pex, pix, pax,
bei Hering, Flederwisch und Lachs,
dass du, verfluchter Beelzebock,
ausfahrest über Stein und Stock!

Schließlich starb der Pudel. Der Alte aber konnte den Verlust seines treuen Gefährten und Gehilfen nicht lange ertragen. Kaum sieben Tage vergingen, bis man Hans Heß, den Hirten zu Grabe tragen mußte.

[aus Sommergewinn-Heft 2002]