Sagen unserer Heimat

Muto non cieco

Ein Weißenborner Klosterbruder, dem heißes Blut in den Adern pulste und dem ein empfängliches Herz in der Brust schlug, hatte sich in eine Jungfrau aus Thal verliebt und obwohl er das Gelübde der Keuschheit geleistet, stellte er ihr nach. Auch die Jungfrau war von Fleisch und Blut, und sie schenkte ihr Herz dem Mönche. Erst suchten und trafen sie sich an einsamen, verschwiegenen Stellen der waldreichen Umgebung, dann aber wurden sie immer unvorsichtiger und dreister bei ihren Zusammenkünften. Immer näher und näher an Dorf und Kloster fanden sie sich zum Stelldichein. So wurden sie denn einst in der Abendstunde eines Maientages dort, wo heute jener Stein steht*1, überrascht, wie sie weltentrückt, taub und blind sich in ihrer heißen Liebe hingaben. Der Prior selbst*2 war es, der das Pärchen so antraf. Doch er verzieh dem Mönch, vielleicht dachte er daran, daß auch er einmal jung gewesen. Nur einen Stein ließ er an jener Stelle, der sogenannten Klosterhecke, aufstellen mit der Inschrift " muto non cieco",zu deutsch
" stumm, nicht blind ". Er wollte damit sagen, daß er wohl gesehen habe, aber schweigen wolle. Das Mal sollte eine Warnung sein für den leichtfertigen, sündigen Mönch und auch die anderen Klosterbrüder.

(Auszug "Ruhl. Sagen" T. 2 L.Köllner, als Ruhlaer Überlief.
bezeichnet)

*1 Stein mit Aufschrift steht jetzt im Eingangsbereich der Klosterkirche (OT Thal)
*2 nach and. mündl. Überlief. wird auch ein Förster o. Jäger genannt