Sagen unserer Heimat

Das Kind in der Mauer

Es ist eine uralte Überlieferung, daß bei Errichtung von wichtigen Bauwerken ganz bestimmte Opfer, oft sogar Tier- und Menschenopfer*1, gebracht wurden, um böse Geister abzuhalten und die Mauern standhaft zu machen. Beim Bau von Burgen sollen nicht selten neugeborene, ungetaufte Kinder lebendig eingemauert worden sein. Sie vermochten angeblich, den notwendigen Schutzzauber auszuüben.
Als man vor langer, langer Zeit daran ging, die Burg Scharfenberg hochzumauern, erinnerte man sich auch des alten Brauchs und überlegte, wie man zu einem Kinde für diesen grausamen Dienst kommen könne. Da hörten die Bauherren von der Niederkunft einer Bäuerin in einem Hofe in der Nähe.
Rasch entschlossen drangen sie in der folgenden Nacht bei der Wöchnerin ein und raubten das Kind. Noch bevor die arme Frau Hilfe herbeirufen konnte, ritten sie auf den Burgberg zurück und übergaben noch ehe der Morgen dämmerte ihre Beute den Maurern. Sogleich gingen diese daran, das Kind in eine vorbereitete Öffnung zu legen und diese mit Steinen und Kalk zu verschliessen. So ward das schauerliche Werk vollbracht, bevor es Tag wurde. Die Mutter vermochte den Raub und das Einmauern ihres neugeborenen Kindes nicht zu verwinden. Ruhelos irrte sie nachts durch den Wald um die Burg Scharfenberg. In stürmischen Nächten, wenn der Wind über die Baumwipfel heult, kann man heute noch ihr Klagen bei den Ruinen hören.

(aus "Ruhl.Sagen" T.2 L.Köllner, n. Ludwig Storch)

*1 während der Sanierung des Burgturmes 1993/94 wurde im Mauerwerk eine versteinerte Hausschweinpfote gefunden, nach Auskunft der Archäolog.Denkmalpflege Weimar ein Bauopfer