Aktuelles - Ruhla im Takt der Zeit

Di 11.04.2017

Ostergrußwort des Bürgermeisters der Stadt Ruhla


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

der erste Vollmond nach der Tag- und Nachtgleiche in diesem Frühjahr liegt hinter uns. Traditionell folgt am kommenden Wochenende das Osterfest. So ist es festgelegt… Doch wer macht sich eigentlich Gedanken darüber? Ostern steht in unserer Gesellschaft ähnlich wie Weihnachten unter einem enormen Konsumzwang. Einkaufen, Geschenke besorgen, Essenkochen, Feiern…. Das will alles organisiert werden. Volle Läden, gestreßte Verkäuferinnen und eine noch hektischere Käuferschar. Vielleicht aber auch Osterurlaub… Last minute Angebote. Schnäppchenpreise….

Für die kleinen Kinder ist es immer noch faszinierend, daß der Osterhase die bunten Eier bringt - doch warum gibt es denn schon Wochen vorher im Supermarkt hartgekochte marmorierte Eier in Plastikhüllen zu kaufen? Haben sich die Osterhasen im Laufe der Zeit genetisch verändert? Folgen sie dem Weihnachtsmann direkt nach und halten keinen Winterschlaf mehr? Oder hat das was mit der Klimaerwärmung zu tun? Weshalb gibt es Plastikeier - werden die Hühner irgendwann arbeitslos?

Die Entfremdung vom eigentlichen Sinn des Osterfestes setzt sich schleichend fort. Der christliche Ursprung von der Kreuzigung Christi zu Karfreitag bis zur Auferstehung am "dritten Tage" versinkt in der Geschäftigkeit unserer Konsumgesellschaft. Dabei ist die Botschaft so klar, so optimistisch und voller Hoffnung: der Tod wird überwunden, das Licht und die Liebe siegen. Es geht weiter, es gibt kein Ende. Das Leben und die Liebe bleiben erhalten. Gerade heute, in einer Zeit voller Gewalt und Kriege, voller Haß und Demütigungen gewinnt diese Osterbotschaft noch mehr an Bedeutung. Gibt sie doch Hoffnung, Kraft und Zuversicht, daß Ungerechtigkeit und Gewalt, Not und Elend überwunden werden können. Ostern wird trotz aller Geschäftigkeit erhalten bleiben - und mit dem Osterfest diese Botschaft, die nicht nur den christlichen Menschen Kraft für den Kampf um Menschlichkeit und Frieden gibt.

Leider verschwindet auch die Ehrfurcht vor den alten Osterritualen allmählich. Wer folgt noch den althergebrachten Osterbräuchen? Wer malt noch Eier selbst an, um sich an ihnen zu erfreuen? Wer geht am Ostersonntag in der Frühe noch schweigend an die Quelle, um Wasser zu holen?
In Ruhla war es üblich, Salweidenzweige mit Kätzchenblüten in die Häuser zu stellen. Osterfeuer und Osterbäume gab es nicht. Für die Kinder begann das Osterfest am Morgen des Gründonnerstages. Da wurden sie mit bunten Eiern beschenkt. Auf dem Mittagstisch mußten Salate von jungen Löwenzahnblättchen, Sauerampfer oder Brennnessel erscheinen…. Oder aber Graoslauchdüschel und Spenaotkräöpfel. Vielerlei Aberglaube wurde gepflegt, aber auch Bauernregeln waren bekannt. Zum Beispiel hieß es: "Bann`s Palmsonntich schön unn kloir, wörd`s ea gut Joihr, bann`s ränt, gitt`s ean nassen Summer." (Nachzulesen in "Mi Ruhl, mi Heimet" Band 3 von Lotar Köllner).
Hier verknüpft sich christlicher Glaube mit Tradition und Brauchtum.

Liebe Leser dieser Zeilen,

nehmen Sie bitte meine Grüße für das Osterfest mit in die kommenden Feiertage. Aber auch meinen Wunsch auf Besinnung - auf Menschlichkeit, auf Hoffnung, auf die Kraft des Lebens.
Vielleicht schenken Sie Ihren Lieben die Chronik unserer Stadt, um aus dem Wissen der Vergangenheit die Zukunft zu gestalten, vielleicht teilen Sie mit Ihren Kindern und Verwandten die wertvolle Zeit für gemeinsames Staunen, Gestalten oder Kreativsein…. Vielleicht kochen Sie aber auch einfach nur ein Gericht mit frischem grünen Sauerampfer und Zaungierschblättchen und freuen sich an den Geschenken unserer erwachenden Natur.

Ich wünsche Ihnen allen gesunde und fröhliche Osterfeiertage. Und ich wünsche Ihnen ein offenes Herz - für die Osterbotschaft, für die Wunder unserer Erde, für Glauben und Hoffnung.
Genießen Sie die freien Tage. Vielleicht haben Sie ja auch einmal Zeit für einen Osterspaziergang in die grünende Natur und das tiefe Gefühl, welches Johann Wolfgang von Goethe so treffend formulierte: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein".

Herzliche Grüße
Ihr Bürgermeister Hans-Joachim Ziegler