Firma "Storch & Stehmann" Von der Firma "Storch & Stehmann" zum Lehrwerk des VEB FER (Fahrzeugelektrik Ruhla)

Standort: 50°53'39.1"N 10°21'57.4"E

Zeitzeugenbericht

Ehrlich gesagt, an meinen ersten Tag der Berufsausbildung in Ruhla kann ich mich nicht mehr erinnern. Ist ja auch schon eine Weile her – 44 Jahre – und so besonders spektakulär schien wohl der Beginn meiner dreijährigen Lehre bei Fahrzeugelektrik Ruhla (FER) nicht gewesen zu sein. „Facharbeiter für Fertigungsmittel mit Abitur“ stand auf meinem Ausbildungsvertrag, zu Deutsch Werkzeugmacher mit Abi.
Doch die Nase erinnert sich bestens an einen bestimmten Geruch aus jener Zeit: der stumpfe Geruch nach Metall und deren Verarbeitung war im Lehrwerk in der Köhlergasse alltäglich. Das wuchtige, in den Hang gebaute hellgraue Gebäude flößte mir als 16-jährige anfangs mächtig Respekt ein. Breite steinerne und mit Öl durchtränkte Stufen verbanden die vier Etagen. Rechts und links Räume mit breiten Werkbänken, metallenen Werkzeugen, wuchtigen Maschinen, Schleifsteinen.
Zu unseren Aufgaben am Beginn der Ausbildung stand das „Feilen lernen“ – wir hatten aus einem Metallklotz einen Hammer herzustellen. Auch an das Anfertigen eines Riegels für ein Schloss – an jeder Kellertür zu finden – kann ich mich erinnern. Erste Grundlagen dafür, um nach drei Jahren als ausgebildeter „Werkzeugmacher“ zu arbeiten.
Die Theorie wurde uns in der heute leider nicht mehr existenten „roten Schule“ eingetrichtert. Es war ein rotes Backsteingebäude gleich hinter dem alten Rathaus, das heute auch nicht mehr steht. Zum Glück war es von der Schule nicht weit bis zum Bäcker Breunig – dort holten wir uns nicht selten unsere Pausenversorgung: die Bäckerwurst für eine Mark. Wir liebten sie und oft war sie schon vor dem Mittag ausverkauft.
Gut erinnern kann ich mich auch an Besuche im Haus der Fahrzeugelektriker im oberen Ortsteil. Ein wunderschönes Haus mit guter Gastronomie und einer tollen Kellerbar, eine Wendeltreppe führte dorthin. Hier in dieser Bar feierten wir auch unser Bergfest nach 1,5 Jahren Ausbildung.
Mitunter waren wir als Lehrlinge auch in den „Klippen“, dem Hauptwerk von FER oder in der Mewa (in der Ortsmitte, heute REWE und Rathaus) am Band eingesetzt. Sozialistische Hilfe hieß das damals, wenn noch einige Stückzahlen zur Planerfüllung fehlten.
Die meisten der Gebäude, die für mich in der Lehre eine Rolle gespielt haben, stehen nicht mehr: Lehrwerk, die „Klippen“, Mewa, rote Schule oder auch das Forsthaus als Internat. Nur Bilder erinnern noch daran. Aber manchmal, da nimmt die Nase einen bestimmten Geruch wahr und zack… da ist man für kurze Zeit in der Vergangenheit.

von S. Rost

Historischer Abriss

Ruhla

1906
gründet der auch als Erfinder tätige Metallfachmann Edmund Stehmann eine „Fabrik für Elektrotechnische Bedarfsartikel, Fassondreh- und Montierungsteile“ auf dem Stehmannschen Anwesen, dem Stehmannshof, am unteren Ende der Köhlergasse Nr. 68 -74. Nach Aufnahme eines Teilhabers nennt sich die Firma nun „Edmund Stehmann & Co. G.m.b.H.“ Bald schon traten die Brüder Oskar und Walter Storch als weitere Teilhaber in die Firma ein, die sich nun „Elektrotechnische Metallwarenfabrik Storch & Stehmann G.m.b.H.“ nennt.

1930
wurde neben dem ersten Werkstattgebäude das neue, damals sehr moderne, Fabrikgebäude errichtet. Die Belegschaft betrug weit über 100 Beschäftigte.

2. Weltkrieg
Im 2. Weltkrieg hatte der Betrieb Zulieferaufgaben zu erfüllen und beschäftigte an die 40 Fremdarbeiter aus der damaligen Sowjetunion.

1948
wurden Immobilien und Betrieb enteignet. Der Betrieb wurde unter der Bezeichnung „VEB IKA Elektroinstallation Ruhla Werk II, vormals Elektrotechnische Fabrik Storch & Stehmann GmbH“ noch eine Zeit lang weitergeführt.

1950
wurde das Objekt zu einem Lehrwerk mit Internat für die Ruhlaer IKA-Betriebe eingerichtet. Zum IKA-Verbund gehörte auch das Werk Fahrzeugelektrik Ruhla (FER). Eröffnung war im Oktober mit 116 Lehrlingen.

1989/90
Nach der Wende sind mit der Aufgabe der Objekte das Fabrikgebäude, Teile des Internatsgebäudes und das erste Werkstattgebäude abgerissen worden. Die im Internatsgebäude noch vorhandene Substanz des einstigen Gasthauses „Zum Lamm“ wurden durch seinem derzeitigen Besitzer Walter Krauß zum jetzigen Gasthaus „Einkehr zum Landgrafen“ ausgebaut. An Stelle des Werkstattgebäudes Köhlergasse 70 entstand im Anschluss an das Haus Köhlergasse 68 ein Mehrzweckgebäude mit Praxen und Wohnungen.


Quellen: Lotar Köllner: „Mi Ruhl, mi Heimet“, 3. Band