Metallwarenfabrik Erk von der Metallwarenfabrik Ferdinand Erk zum VEB Schalterbau

Standort: 50°53'34.5"N 10°21'56.0"E

Was hat die Firma Erk mit Schokolade am Hut?

1933/34 erfolgte ein Auftrieb durch die Erfindung der weltweit bekannt gewordenen Erk-Klemmleiste aus Bakelit (Duroplast aus Holzmehl und Kunstharz, Erfindung des belgischen Chemikers Baekeland). Die einzelnen Schraubklemmen waren „abbrechbar wie Schokolade“. Daher wurde die Leiste mitunter auch „Schokoklemme“ genannt.

Werbung für die Rieenklemmleiste

Firmenchronik

Fabrikgebäude um 1931
Fabrikgebäude um 1931

Ferdinand Erk, Sohn des Beschlägermeisters Ernst Hanno Erk, dessen Witwe 1841 den Gürtlergesellen Christian Bardenheuer aus Bonn geheiratet hatte, machte sich 1864 selbständig und gründete mit vier Arbeitern eine Metallwarenwerkstatt in Immelborn. Erk war gelernter Graveur. Die Fabrikation in seiner Werkstatt umfasste zuerst Touristen-, Schaufenster- und Krinolinenklammern, Etiketten, Massenartikel für Bürobedarf, Scharniere und Verschlüsse für Etuis und weitere Kleinmetallwaren, später auch Kleinmöbel.
1866 verlegte er seinen Betrieb nach Ruhla, und zwar in einen ihm von seinem Stiefvater Bardenheuer in dessen Fabrikgebäude zur Verfügung gestellten größeren Raum. (Dieser wurde noch lange Zeit der „Erk-Saal“ genannt.) Für Bardenheuer fertigte er Blechzulieferteile. 1869 erfolgte die handelsrechtliche Eintragung der Firma als „Ferdinand Erk, Metallwaren-Fabrik“ und 1870 ihre Verlegung nach Kassel, wo sie für fünf Jahre blieb. 1875 ging Erk mit seinem Geschäft zurück nach Ruhla und richtete den Betrieb im Hause des Fenstermachers Helbig in der Oberen Lindenstraße (später Metzgerei Otto), ein. 1877 zog er in ein geeigneteres und günstiger gelegenes Gebäude am Helbigschen Zimmerplatz, heute Bermbachtal 6, um.

Ferdinand Erk war ein guter Geschäftsmann, und seine Frau Johanna, eine gebürtige Münchnerin, besorgte auf Geschäftsreisen die Aufträge. Das Geschäft lief gut und 1883 erwarb Erk das benachbarte Gebäude und Grundstück des alten Gasthauses und Hotels „Zur blauen Traube“ (das der Schriftsteller Wilhelm Raabe in seinem Roman „Gutmanns Reisen“ als das „gemütlichste Gasthaus Thüringens“ bezeichnet hatte). Das Gasthaus war in das 1882 gegenüber neu erbaute Hotel Hennig umgezogen. Das erworbene Anwesen wurde nun der endgültige Firmenstandort. Das Gebäude war mit seinen Raumverhältnissen für den neuen Zweck gut geeignet. Der frühere Tanzsaal ergab einen geräumigen, hellen Fabriksaal. Zwei nach dem Berg zu gelegene frühere Gesellschaftsräume wurden Einbinderei, Packraum, Galvanisier- und Polierwerkstatt, die Fremdenzimmer im Stockwerk darüber Lagerräume. (Die Hotelzimmer-Nummern sind noch für Jahrzehnte erhalten geblieben.) Im Erdgeschoss wurden Gelb- und Trockenmacherei sowie das Rohmateriallager eingerichtet.

Die Erzeugnisse in der neuen Produktionsstätte waren: Metallteile für Korsetts und Krinolinen, Zwingen, Schließen und Verschlüsse für die Korbmacher in Coburg und Lichtenfels, Scharniere und Schlösschen für die Etuimacher, Büroklammern und -nadeln, Schaufenster- und Hutklammern, Bartklemmen, Briefverschlussapparate. Im Jahre 1888 entstand nach Abriss des zu Wohnzwecken genutzten nördlichen Teils des Gebäudes ein neues, schmuckes Wohnhaus. 1894 war die Firma Erk die erste in Ruhla, die eine Dynamomaschine betrieb und in ihren Arbeits- und in den Wohnräumen elektrisch erzeugtes Licht einführte. (Über eine Freileitung ist auch das Hotel „Bellevue“ mit Elektroenergie mit versorgt worden). Im gleichen Jahr besuchte der Großherzog Carl Alexander das Unternehmen. 1895 wurde begonnen, die Handfertigung weitgehend abzuschaffen und auf durch Elektromotoren betriebene Maschinen umzustellen. Im gleichen Jahr wurden die Schraubenfertigung und Fassondreherei aufgenommen. Der Betrieb hatte nun etwa 50 Beschäftigte.

Ferdinand Erk verstarb 1897, und die Firma ging auf seinen Sohn Ernst Erk über, der die neu aufgenom­mene Fertigung erweiterte.

1909, nach Vollendung eines neuen dreigeschossigen Fabrikgebäudes, nahm man die Fertigung von Elektromaterial wie Stecker, Steck­dosen, Anschlussdosen, Labor- und Batterieklemmen auf. Auf das Dach des Vorderhauses wurde das Modell einer Hanse-Kogge gesetzt, das ein Familienangehöriger, der zeitweilig bei der Marine war, in einem Hafen erworben hatte. Es sollte ein Zeichen sein für die Exportfähigkeit des Betriebes und die bereits weit geknüpften Handelsbeziehungen.

Unter Ernst Erk entwickelte sich der Betrieb kontinuierlich weiter.

1910 lag der Jahresumsatz bei 290 000 Mark. 1911 bewilligte Erk als erste Ruhlaer Firma Belegschaftsangehörigen, die länger als zehn Jahre im Betrieb waren, schon einen Urlaub. Nach dem Tod Ernst Erks im Jahre 1922 übernahmen der Schwiegersohn Walter Nothnagel, bis dahin im Außeneinsatz tätig, die Geschäftsleitung und der Sohn Günther Erk die technische Leitung. Beide und die drei Töchter Ernst Erks waren nun Gesellschafter der neuen OHG. 1923 ist die Fertigung von Radio-Zubehörteilen unter weitgehender Verwendung von Kunststoffen aufgenommen worden.

1931 wurde ein Erweiterungsbau errichtet. 1933/34 erfolgte ein Auftrieb durch die Erfindung der weltweit bekannt gewordenen Erk-Klemmleiste aus Bakelit (Duroplast aus Holzmehl und Kunstharz, Erfindung des belgischen Chemikers Baekeland). Die einzelnen Schraubklemmen waren „abbrechbar wie Schokolade“. Daher wurde die Leiste mitunter auch „Schokoklemme“ genannt.

1936 war eine „ERK-Sparlampe“ entwickelt worden. Im gleichen Jahr erfolgte eine Umwandlung der OHG in eine KG als Besitzfirma und eine GmbH als Betriebsfirma. Als die Erweiterung der Büroräume notwendig geworden war, baute man den alten Hauptfabriksaal entsprechend um.
Zum 75-jährigen Bestehen der Firma im Jahre 1939 gab es eine große Jubiläumsfeier mit den etwa 100 Beschäftigten. Auch eine „Erk-Gefolgschafts-Fürsorge-Stiftung“ wurde eingerichtet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Auswirkung der Planwirtschaft der Firma Erk die Klemmleistenfertigung entzogen worden (kam zur ERU), und man hat sich auf die Konstruktion und Herstellung von Geräte-Einbauschaltern umgestellt und dann zu einem Spezialbetrieb dafür weiterentwickelt. Aber auch anderes Installationsmaterial wurde hergestellt. Ab 1948 bis 1964 stieg die Produktion auf das Fünffache, der Jahresumsatz erreichte 1,5 Mio. M. Sämtliche Erzeugnisse trugen das DDR-Gütezeichen 1, der Exportanteil lag bei 50 %.

Von der Metallwarenfabrik Ferdinand Erk zum VEB Schalterbau

Produkte des VEB Schalterbau 1957
Produkte des VEB Schalterbau 1957

Vom 1. Januar 1960 an arbeitete der Betrieb mit staatlicher Beteiligung. Über 70 Arbeitskräfte waren tätig, darunter ein alter, treuer Mitarbeiterstamm. Das 100-jährige Firmenjubiläum am 15. Mai 1964 feierte die Betriebsleitung mit der Belegschaft auf dem Großen Inselsberg. Ein neues Firmenschild mit „ERK 1864 - 1964“ wurde an der Seitenwand des vorderen Betriebsgebäudes angebracht.
In den folgenden Jahren stieg die staatliche Beteiligung schrittweise an, und 1972 war Ganzstaatlichkeit erreicht. Die 108-jährige Firma ERK wurde zum VEB Schalterbau mit dem Betriebsdirektor Dietrich Harseim, dem Schwie¬gersohn des vorherigen Geschäftsführers und Mitinhabers Walter Nothnagel. (Im Jahr nach dem Amtsantritt Erich Honeckers als Staatsratsvorsitzenden kam es zur Totalverstaatlichung der kleineren privaten bzw. schon teilstaatlichen Betriebe, von denen es noch über 11 000 in der DDR gab. Teilweise erhielten vorherige Inhaber oder Mitinhaber noch leitende Funktionen in ihren zwangsweise aufgegebenen Firmen.) Mit dem Schritt in die Verstaatlichung konnten notwendig gewordene Maschinen angeschafft werden.

1977 erfolgte ein Zusammenschluss mit dem Betrieb Elektroplast Schwarzhausen. Die Beschäftigtenzahl war zu dieser Zeit in Ruhla gut 80, in Schwarzhausen 35. Neu entwickelt wurden in den Folgejahren ein Staubsaugerschalter, Schnurzwischen- und Druckschalter. 1980 betrug die Jahresproduktion 6 Mio. Schalter.

Ab 1981 gehörte der Betrieb zum Kombinat Elektrogeräte Apolda, war aber selbständig. 1983 kamen 30 % der gesamten Schalterproduktion der DDR vom Schalterbau Ruhla. Betriebsdirektor war ab 1984 K.-H. Hofmann.

1989 erfolgten Aufgabe der Selbständigkeit und Anschluss als Betriebsteil an das Kombinat Wohnraumleuchten Stadtilm. Der ab 1974 als technischer Leiter tätige Eberhard Schall wurde Betriebsteilleiter.

Nach der Ausgliederung aus dem Kombinat zum Jahresende 1990 und der Erhebung zu einer selbständigen GmbH durch die Treuhandanstalt gab es wiederholte Bemühungen zu Übernahme und Weiterbetrieb, besonders durch Ruhlas neue Partnergemeinde Schalksmühle.
Nach einer Liste der Treuhandanstalt betrug die Zahl der Beschäftigten 1990 noch 68. Hauptprodukte waren Einbaudruckschalter, Kipp- und Wippenschalter, Schnurzwischenschalter und konfektionierte Leitungen.
Alle Bemühungen um einen Weiterbestand des Betriebes scheiterten an seinem verwinkelten Standort. 1992 waren noch etwa 20 Personen beschäftigt, und zum Januar 1993 erfolgte die Auflösung der GmbH durch die Treuhandanstalt als alleiniger Gesellschafter. Ein Liquidator betreute den Auslauf des Betriebes bis Ende 1994.
In den Folgejahren wurden die Werksgebäude, von privaten Käufern erworben, zu Wohnungen und einigen Geschäftsräumen um- und ausgebaut. An der Unteren Lindenstraße entstanden zwei Neubauten.