Firma C. & F. Schlothauer später VEB Fahrzeugelektrik Ruhla (FER)

Standort: 50°52'56.4"N 10°22'48.6"E

Was bedeutet der Spruch: "In den Klippen arbeiten"?

Das Fabrikgrundstück der Metallwarenfabrik C. & F. Schlothauer lag vor einer "Steinkleeppen". Einem Steinbruch oder einem vorstehenden Fels. Deshalb wurde die Fabrik "Kleeppen" genannt und die Arbeiter "Klippenarbeiter".

Firmenchronik

Ruhla
Christoph und Friedrich Schlothauer

1868
gründet Otto Elias Schlothauer eine Werkstatt für Pfeifenköpfe aus Meerschaum und Massemeerschaum sowie Pfeifenrohre und andere Artikel aus Holz im väterlichen Wohnhaus in der Forststraße. Im Folgejahr nimmt er seine beiden Söhne Christoph und Friedrich mit in das Geschäft auf und firmiert unter „Firma Otto Schlothauer & Söhne in Ruhla“.

1872
wird das Gelände „Grummetwiese“ über der Rittersgasse „Steinkleeppen“ gekauft und ein Fabrikgebäude errichtet. Am Erbstrom wurde ein Wasserradantrieb gebaut.

1875
Das Fabrikgebäude wird erweitert und das Haus in der Forststraße verkauft.

1881
verstarb der Firmengründer. Sein jüngerer Sohn Heinrich Berthold trat als weiterer Teilhaber in die Firma ein. Zusammen mit seinem jüngsten Bruder Albin betrieb er die Herstellung von Holzartikeln. Die Brüder Christoph und Friedrich wandten sich der Produktion von Metallkleinteilen und Gasarmaturen zu.

1882
wurde die „Firma Otto Schlothauer & Söhne“ aufgelöst und die Söhne Christoph und Friedrich gründeten 1883 die Firma „C. & F. Schlothauer Ruhla, Metallwaren“. Heinrich Berthold trat aus dem Geschäft aus und gründete mit seinem jüngstem Bruder Albin am unteren Ende der Rittersgasse die Firma „H. B. Schlothauer“, um sich zunächst Holzartikeln zuzuwenden. Heinrich Berthold wurde auch „der schwarze Kondieter“ genannt.

1887
weiterer Ausbau der Fabrik mit Bau eines zweiten Wasserrades und eines Wasserrückhaltebeckens, sowie Installation eines Petroleum-Hilfsmotors für die Winterzeit.

1893
entstanden mehrere Nebengebäude (Pferdestall und Wagenremise). Es traten Christoph Schlothauers Söhne Reinhold und Ernst in den Betrieb ein.

1895
wurde zu den zwei Wasserrädern noch eine dritte Wasserradanlage gebaut, weiterhin wurde ein stärkerer Petroleum-Motor installiert.

1897
neues Maschinenhaus mit 60 PS-Lokomobile. Der  Jahresumsatz liegt bei 90.000 M mit 50 Beschäftigten. Die Produktionspalette erweitert sich um elektrotechnisches Installationsmaterial wie Schalter, Steckdosen und Fassungen.

1899
Entstehung einer neuen Gießerei, eines zweiten Maschinenhaus mit 60 PS-Lokomobile und Stromgenerator. Alle Räume erhielten elektrische Beleuchtung. Der Jahresumsatz liegt bei 20.000 M mit 100 Beschäftigten.

1904
erfolgt eine hohe Nachfrage nach Gasarmaturen und Elektroinstallationsmaterialien, dies führt zu einer erheblichen Produktionssteigerung.

1905
neues Kesselhaus mit 120 PS-Dampfmaschine und Stromgenerator, zentrale Dampfheizung.

1906
Umwandlung in eine GmbH, Jahresumsatz um 1 Mio. M.

1908
starb Christian Schlothauer. Geschäftsführer wurde sein Bruder Friedrich, die Söhne Reinhold und Ernst übernehmen die Verwaltungsaufgaben.

1910
kamen weitere Söhne als Gesellschafter in die Firma. Es folgen Werkserweiterungen. Produziert wurden zusätzlich Autozubehörteile und Drehteile für den Maschinenbau. Exportiert wurde in weite Teile Europas.

1912
das Werk erhält über eine eigene Trafo-Station Strom aus der Überlandleitung aus Breitungen. Die Elektroenergieerzeugung im eigenen Werk entfällt, die Dampfmaschine wird jedoch weiterhin betrieben.

1913
der Jahresumsatz liegt bei 2.785 490 M mit 490 Arbeitern, 31 Angestellten sowie vielen Heimarbeitern. Es gab Pläne für eine Arbeiterwohnsiedlung, die jedoch der 1. Weltkrieg zunichtemachte.

1914
Der 1. Weltkrieg legte den Betrieb für vier Wochen still. Viele Aufträge fielen weg. 110 Beschäftigte mussten zum Militärdienst.

1915
Aufträge aus der Rüstungsindustrie beleben die Wirtschaft (Zünderteile, Wurfminen, Apparate für die Telegrafie…).

1917
Die Arbeiterzahlen steigen auf 520 Beschäftigte, Der Jahresumsatz beträgt 10 Mio. M J. Der Geschäftsführer Friedrich Schlothauer ist verstorben. Nachfolger werden Reinhold, Berthold und Ernst Schlothauer. Im Krieg waren 41 Betriebsangehörige gefallen.

1918
der Ruhlaer Arbeiterrat besetzt den Betrieb, es herrscht Chaos. Der 1919 verhängte Belagerungszustand für Eisenach und Ruhla durch das Landjägercorps sorgt im Werk wieder für die alten Abläufe.

Ruhla
Luftbildaufnahme der Firma C. und F. Schlothauer

1921
Außerhalb Ruhlas wurden Betriebe hinzugekauft und die Produktion erweitert. Bis zum Jahresende hatte der Betrieb wieder über 500 Beschäftigte.

1923
Dank guter Geschäftsbeziehungen mit englischen und holländischen Firmen konnten die Inflationsverluste in Grenzen gehalten werden. Höher waren die Verluste durch Streiks, politische Unruhen und die Allgemeine Krise.

1924
Allgemeine Belebung der Geschäftsbeziehungen zu ausländischen Firmen. Rationalisierungsmaßnahmen und Fließbandmontagen führten ab 1925 zur Vollbeschäftigung.

1928
Weltwirtschaftskrise, es folgen Entlassungen, Kurzarbeit und Streiks.

1929
60-jähriges Firmenjubiläum. Die in Insolvenz geratene Tabakpfeifenfabrik H. Schenk und F. Otte wurden erworben und zu Arbeiterwohnungen um- und ausgebaut.

1933
Vollbeschäftigung und Konjunktur.

1935
gab es wieder Rüstungsaufträge (Zünder, Flugzeugteile, …).

1939
930 Beschäftigte. Der Jahresumsatz liegt bei 4.600.000 RM. 80 Betriebsangehörige müssen zur Wehrmacht. Die Rüstungsproduktion nimmt ständig zu.

1943
sind Zünder und Flugzeugteile im Wert von 2.620.300 RM gefertigt worden. Neben 680 Einheimischen waren als Fremdarbeiter 170 Sowjetbürger, 24 franz. Kriegsgefangene und 17 kroatische Mädchen beschäftigt. 170 Betriebsangehörige waren zum Kriegsdienst eingezogen.

1945
Besetzung durch die Amerikaner am 07.04., die Arbeit ruht für viele Wochen. Im August, unter sowjetischer Besatzung, beginnt der Betrieb mit 150 Beschäftigten. Ruhlaer Antifaschisten wurden als Betriebsrat eingesetzt. Ende des Jahres waren 340 Leute beschäftigt.

1946
wurde die "Metallwarenfabrik C. & F. Schlotahuer GmbH" von der SMAD unter Sequester gestellt. Infolge Rohstoffmangels konnten kaum 30% der früheren Erzeugnisse produziert werden, meist Lampen und Feuerzeuge. Am 19. Juli musste die „Metallwarenfabrik C. & F. Schlothauer GmbH“ an die „Sowjetische Elektrotechnische Aktiengesellschaft“ übergeben werden. Der Firmenname war zunächst „Elektrowerke Schlothauer Ruhla der SAG Isolator“.

1947
Im Hauptwerk wird eine Werkküche und ein Speisesaal eingerichtet.

1948
wird eine Sanitätsstelle eingerichtet. Es wird begonnen, die zur notwendigen Ausrüstung der in der SBZ (sowjetische Besatzungszone) hergestellten Kraftfahrzeugen, eine selbständig entwickelte Produktion von Fahrzeugelektrik aufzunehmen. Es werden Lichtmaschinen, Anlasser, Zündverteiler, Signalhörner, Scheinwerfer und diverse Schalter produziert.

1949
konnte erstmals Fahrzeugelektrik ins Ausland (Holland) geliefert werden. Die Firmenbezeichnung wurde geändert in „Elektro-Armaturenwerk Ruhla der Staatlichen Aktiengesellschaft Kabel“ , Warenzeichen EAW.

1950
erscheint die erste Ausgabe der Betriebszeitschrift „Die Fanfare“.

1951
Angliederung der Fertigungsstätten in Brotterode, Steinbach und Gumpelstadt, insgesamt 1.480 Arbeiter.

1952
Errichtung des Kulturhauses Ruhla mit Küche, Kantine, Speisesaal, technische Kabinette und Zentrallager durch die Firma.

1954
firmiert der Betrieb unter „VEB IKA Elektrische Fahrzeugausrüstung Ruhla“ (EFR). Im selben Jahr wurde der Betrieb „VEB Metallunion Ruhla“ vormals „H. B. Schlothauer“ übernommen. In die Gebäude wurden Schulungsräume, eine Kegelbahn und später das Betriebsmuseum eingerichtet. In Ruhla arbeiten ca. 900 Beschäftigte.

1955
wurde die betriebliche Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaft (AWG) gegründet und in den folgenden Jahren 20 Einfamilienhäuser gebaut.

1958
Zusammenschluss der „VEB Elektrische Fahrzeugausrüstung Ruhla“ mit den „VEB Auto- und Fahrradelektrik Eisenach“ zum „VEB Fahrzeugelektrik Ruhla“ (FER).
(Erfahren Sie mehr über den VEB Fahrzeugelektrik Ruhla)

 

Quelle: Lotar Köllner: „Mi Ruhl, mi Heimet“ , 3. Band